Themenzentrierte Interaktion   

Entstehung und Kernanliegen der TZI

Dem Grundgedanken der TZI folgend, möchte ich das Kernanliegen der themenzentrierten Interaktion anhand einer kurzen biographischen Anmerkung zu Ruth Cohn, der Begründerin der TZI, verdeutlichen. Damit wird zugleich der Lehr-Lern-Begriff der TZI offenbar: LERNEN ist ein leibgebundener, psychosozialer, biographischer Entwicklungsprozess; LEHREN bzw. vermitteln lässt sich TZI deshalb nur als (selbst-)erfahrungsbezogene Auseinandersetzung mit der eigenen (Lern-)Biographie.

Ruth Cohn, 1912 in Berlin geboren, war 1933 als Jüdin zur Emigration in die Schweiz gezwungen; 1936 wurde ihr die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Sie studierte in Zürich Psychologie, Philosophie und Literatur und absolvierte bei der Internationalen Gesellschaft für Psychoanalyse eine sechsjährige klassische Ausbildung zur Psychoanalytikerin. 1941 weiter nach New York emigriert, praktizierte Ruth Cohn zunächst einige Jahre als Psychotherapeutin und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer der zentralen Personen bei der Weiterentwicklung der klassischen Psychoanalyse zur humanistischen Psychologie. Das aus dem persönlichen Schicksal von Verfolgung und Emigration gewonnene Kernanliegen Ruth Cohns lautet:

  • Wie kann die Gesellschaft so humanisiert und demokratisiert werden, dass eine verbrecherische Politik wie die der Nazis in Zukunft keine gesellschaftliche Basis mehr findet?
  • Wie können die aus dem klassisch-psychoanalytischen Setting (Klient - Therapeut) gewonnenen Erkenntnisse über Psychodynamik so erweitert werden, dass sie auch in nicht-therapeutischen Zusammenhängen anwendbar sind?
Der entscheidende Fortschritt in der amerikanischen Psychologie der Nachkriegszeit war die Entdeckung der GRUPPE. Die klassische Einzeltherapie wurde zur Gruppentherapie erweitert und das Augenmerk richtete sich von nun an auf gruppendynamische Prozesse.

Ruth Cohn gab sich allerdings nicht zufrieden mit dieser Entwicklung und thematisierte das entscheidende Manko der zahlreichen Selbsterfahrungsgruppen, die in dieser Zeit entstanden waren: Eine ausschließliche Beschäftigung mit sich selbst (ICH) und der Gruppe (WIR) birgt die Gefahr der Nabelschau, wenn die orientierende Kraft eines gemeinsamen Sachthemas (ES) fehlt.

Damit war die TZI geboren! Das TZI-Modell stellt eine ganzheitliche Methode zum Leiten von thematisch orientierten Lern- und Arbeitsgruppen dar. So löst sich die TZI aus dem therapeutischen Feld und wendet sich pädagogischen Kontexten zu, insbesondere dem Bereich der Erwachsenenbildung.

Die Grundwerte der TZI hat Ruth Cohn in drei Axiomen formuliert:

  1. Der Mensch ist eine psycho-biologische Einheit. Er ist auch Teil des Universums. Er ist darum autonom und interdependent.Autonomie (Eigenständigkeit) wächst mit dem Bewusstsein der Interdependenz (Allverbundenheit).
  2. Ehrfurcht gebührt allem Lebendigen und seinem Wachstum. Respekt vor dem Wachstum bedingt wertende Entscheidungen. Das Humane ist wertvoll, Inhumanes ist wertbedrohend.
  3. Freie Entscheidung geschieht innerhalb bedingender innerer und äußerer Grenzen. Erweiterung dieser Grenzen ist möglich.
       

TZI-Modell

Das TZI-Modell beruht auf folgender Grundannahme: Lebendiges Lernen findet statt in der DYNAMISCHEN BALANCE im Dreieck (ICH-WIR-ES) unter Berücksichtigung der Rahmenbedingungen (GLOBE).

Wenn einer der Pole vernachlässigt wird (individuelle Lernbedürfnisse, gruppendynamische Prozesse, Sachstruktur), kommt es über kurz oder lang zu Störungen, die ein Ungleichgewicht signalisieren. Sie sollen nicht abgewehrt, sondern produktiv in den Lernprozess einbezogen werden. Die Kunst bei der Gruppenleitung nach TZI besteht darin, die Themen so auszuwählen und zu formulieren, dass die dynamische Balance gewahrt bleibt. Es geht um die dynamische Balance zwischen

  • den Bedürfnissen, dem Denken, Fühlen und Handeln des Einzelnen (ICH)
  • der Bezogenheit der einzelnen zueinander (WIR),
  • dem gemeinsamen thematischen Anliegen (ES),
  • der Berücksichtigung der Eingebundenheit der Gruppe in einen äußeren Rahmen (GLOBE)
Durch einen partizipativen Leitungsstil soll die Leitungsperson Verantwortung ermöglichen und Störungen zulassen. Dazu ist vor allem eine vertiefte (Selbst-)Wahrnehmung notwendig. Für die praktische Arbeit in TZI-Gruppen hat Ruth Cohn deshalb folgende Postulate formuliert, die sowohl für die Leitungsperson als auch für die Teilnehmenden gelten:
  1. Sei dein eigener Chairman / deine eigene Chairwoman, sei die Chairperson deiner selbst. In interaktionellen Gruppen bedeutet dies: Übe dich, dich selbst und andere wahrzunehmen, schenke dir und andern die gleiche menschliche Achtung, respektiere alle Tatsachen so, dass du den Freiheitsraum deiner Entscheidungen vergrößerst. Nimm dich selbst, deine Umgebung und deine Aufgabe ernst.
       
  2. Störungen und Betroffenheiten haben Vorrang. Beachte Hindernisse auf deinem Weg, deine eigenen und die der anderen; ohne ihre Lösung wird Wachstum verhindert und erschwert.

Damit die Kommunikation in TZI-Gruppen lebendig und themenzentriert verläuft und Störungen offen angesprochen werden können, empfiehlt Ruth Cohn folgende Hilfsregeln:

  • Vertritt dich selbst in deinen Aussagen; sprich per ICH und nicht per WIR oder MAN.
  • Wenn du eine Frage stellst, sage, warum du fragst und was deine Frage für dich bedeutet. Sage dich selbst aus und vermeide das Interview.
  • Halte dich mit Verallgemeinerungen und Interpretationen von anderen so lange wie möglich zurück. Sprich statt dessen deine persönlichen Reaktionen aus.
  • Wenn mehr als einer gleichzeitig sprechen will, verständigt euch in Stichworten, über was ihr zu sprechen beabsichtigt. (keine Melderituale, keine Rednerliste!)
  • Sei authentisch in deinen Äußerungen! Aber sage nicht alles, was du denkst! Alles, was du sagst, soll echt sein, aber sage nicht alles hier und jetzt! (Prinzip der selektiven Authentizität)
Wichtig ist, dass diese Regeln nicht mechanisch angewendet werden, sondern personsituations- gerecht. "Hilfsregeln helfen, wenn sie helfen." (Ruth Cohn)

TZI in der Schule

Ruth Cohn ist 1974 in die Schweiz zurückgekehrt. Sie arbeitete an der Ecole d'Humanité im Berner Oberland. Ihr Schwerpunkt lag jedoch weiterhin auf der Erwachsenenbildung und dem Aufbau von WILL-International (Workshop Institute for Living-Learning), das Aus- und Fortbildungsveranstaltungen von TZI-Leitern/innen organisiert und zertifiziert.

Bei einer Übertragung von TZI auf die Schule sieht Ruth Cohn folgende Schwierigkeiten:

  • die erst allmählich zur vollen Selbstverantwortung heranreifenden Schüler/innen
  • die Nicht-Freiwilligkeit des Schulbesuchs
  • die Koppelung von Lernen und Selektion im öffentlichen Schulwesen
Dennoch bemühen sich immer mehr Pädagogen/innen mit TZI-Erfahrung, unter Berücksichtigung der ungünstigen GLOBE-Faktoren, den TZI-Ansatz auch in der Schule fruchtbar werden zu lassen.

Eine auf TZI basierende Didaktik unterscheidet sich in folgender Hinsicht von herkömmlichen didaktischen Modellen:

  • Der Gegenstand des Unterrichts ist nicht der Stoff, den es zu vermitteln gilt. Die Sache (ES), um die es geht, muss vielmehr zum THEMA werden, das zu einer lebendigen, sachbezogenen Interaktion (ICH-WIR-ES) anregt.
  • Individuelle und sozio-kulturelle Lernvoraussetzungen sind also mehr als nur Eckdaten in der Bedingungsanalyse des Unterrichts. Dies gilt insbesondere für den Faktor Gruppe/Klasse, der in den bisherigen Didaktiken kaum konzeptualisiert wurde.
  • Wann und in welcher Form ein Sachgegenstand zum Thema des Unterrichts wird, hängt ganz entscheidend vom Verlauf des Gruppenprozesses ab: Das Thema soll sich im Gruppenprozess spiegeln und umgekehrt soll die Gruppendynamik die Energie für die Bearbeitung des Themas liefern. Die Unterrichtsplanung kann somit nicht mehr allein an Stoffplänen und Lernzielen ausgerichtet sein, sondern sie muss prozessorientiert erfolgen.
  • Auch die Lehrperson ist als Individuum (ICH) Teil der Gruppe (WIR) und soll ihr persönliches Kernanliegen im Hinblick auf den Sachgegenstand (ES) offenlegen, wobei selbstverständlich das Prinzip der selektiven Authentizität zu wahren ist und auch Interessen einfließen, die mit der institutionellen Rolle als Lehrer/in zu tun haben.
Die Methoden, die in einem nach TZI geplanten Unterricht zur Anwendung kommen, zielen darauf ab, eine größtmögliche Kongruenz zwischen Lerngegenstand (THEMA) und Lehr-Lern-Situation (PROZESS) herzustellen. Denn gelernt wird stets im HIER und JETZT, d.h. alle Widersprüche zwischen Worten und Taten unterlaufen als heimlicher Lehrplan jede noch so hehre Intention. Wenn ich z.B. einen Vortrag über "Motivation" so halte, dass sich alle langweilen, habe ich mein Ziel verfehlt. Wichtig ist es demnach, auf der Ebene der Meta-Kommunikation und

Prozessreflexion die Methoden und ihre Wirkung transparent zu machen.Aus dem bisher Gesagten geht hervor, dass eine voreilige Übertragung von TZI auf den Unterricht kaum erfolgversprechend ist. Dem stehen zum einen GLOBE-Faktoren (z.B. Notendruck, Lehrpläne) entgegen. Zum anderen ist TZI keine Methode im Sinne einer Lehrtechnik. Sie setzt vielmehr einen intensiven Prozess der Selbstwahrnehmung und Selbstreflexion voraus. Durch die Teilnahme an TZI-Seminaren kann die Lehrperson zunächst am eigenen Leib erfahren, was lebendiges Lernen heißt und allmählich die (Selbst-)Leitungskompetenz entwickeln, die sich dann als veränderte Grundhaltung und Verfahrensweise auch im Unterricht auswirkt. So wie ich mich leite, so leite ich andere! - Bevor ich also von meinen Schülerinnen und Schülern Selbstverantwortung einfordere, muss ich erst mich selbst prüfen, inwieweit mein Verhalten, z.B. auf einer Gesamtlehrerkonferenz, dem Chairperson-Postulat entspricht oder inwieweit ich mich im Rahmen meiner Möglichkeiten für die Verbesserung der GLOBE-Faktoren im Bildungssystem engagiere. Kurz: inwieweit ich selbst als Lehrende/r noch Lernende/r bin.

TZI in der Lehrer(aus)bildung

So begrenzt die direkte Anwendbarkeit von TZI im Unterricht ist, so groß sind die Chancen im Rahmen der Lehrer(aus)bildung, wenn wir Lehrer(aus)bildung nämlich begreifen als Qualifikation von Führungskräften im Sinne einer ganzheitlichen, prozessorientierten, selbstreflexiven Persönlichkeitsbildung.
 
 

Literatur:

Cohn, Ruth C.: Von der Psychoanalyse zur themenzentrierten Interaktion. Stuttgart: Klett-Cotta (1975)

Cohn, Ruth C.; Terfurth, Christina (Hg): Lebendiges Lehren und Lernen. TZI  macht Schule. Stuttgart: Klett-Cotta (1993)

B. Langmaack: Themenzentrierte Interaktion, Beltz Taschenbuch (1996)

Gudjons, Herbert: Die themenzentrierte Interaktion (TZI). Ein Weg zum persönlich bedeutsamen Lernen. PÄDAGOGIK 11/95

L. Ciompi: Die emotionalen Grundlagen des Denkens,  Vandenhoeck u. Ruprecht (1997)


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